4×4-Boom: Neue Autos belasten das Klima wieder stärker


 
 
 

Neuwagen haben 2018 mehr CO2 ausgestossen als im Vorjahr. Dabei müssten die Emissionen sinken.

Lange hat der Pfeil nur nach unten gezeigt. Die Neuwagen in der Schweiz haben von Jahr zu Jahr weniger CO2 ausgestossen. 2017 jedoch nahmen die Emissionen wieder zu, zwar nur leicht, gleichwohl markierte der Anstieg einen Einschnitt: Erstmals seit Beginn der Statistik 1996 war der klimapolitisch erwünschte Abwärtstrend durchbrochen.

Wie sich nun zeigt, war 2017 kein einmaliger Ausreisser. Im Gegenteil, der Ausstoss lag 2018 mit 138 Gramm CO2 pro Kilometer 4 Gramm über dem Vorjahreswert, ein Plus von 3 Prozent. Das zeigt eine interne Auswertung von Auto-Schweiz, der Vereinigung der Schweizer Autoimporteure. Die offizielle Statistik des Bundes liegt zwar noch nicht vor. Das Bundesamt für Energie, das die Zahlen jeweils im Frühsommer veröffentlicht, bestätigt aber, «dass der Wert im Jahr 2018 gestiegen ist und die Grössenordnung der Schätzung von Auto-Schweiz korrekt ist».

Andreas Burgener, Direktor von Auto-Schweiz, erklärt den Anstieg der CO2-Emissionen mit den rückläufigen Verkaufszahlen bei den Dieselautos. Deren Absatz ist um 20 Prozent auf rund 90000 Fahrzeuge gesunken, ihr Marktanteil von 36 auf 30 Prozent gefallen – laut Burgener eine Folge des Dieselskandals um manipulierte Motoren: «Das Image der Dieselfahrzeuge hat spürbar gelitten.» Fürs Klima relevant: Bei gleicher Motorisierung verbrauchen Dieselwagen weniger Kraftstoff und daher theoretisch bis zu 15 Prozent weniger CO2 als Benziner. Allerdings fahren in der Realität meistens Geländewagen und hochmotorisierte Fahrzeuge mit Dieselmotoren, um ihren hohen Spritverbrauch in Grenzen zu halten; der CO2-Vorteil wird so zumindest teilweise wieder zunichtegemacht. Der steigende CO2 der Neuwagenflotte ist daher auch eine Folge des 4×4-Booms in der Schweiz: Letztes Jahr war fast jedes zweite verkaufte Auto ein Allradantrieb – ein Rekord.

«Anstieg bedenklich»

Politiker zeigen sich über die Entwicklung besorgt. «Der CO2-Anstieg ist bedenklich und widerspricht den klimapolitischen Zielsetzungen der Schweiz», sagt Jürg Grossen, Präsident der Grünliberalen. In der Tat dürfte der durchschnittliche Ausstoss gemäss CO2-Gesetz seit 2015 nur noch 130 Gramm CO2 pro Kilometer betragen. Und schon ab Ende 2020 wird der neue Grenzwert bei nur noch 95 Gramm liegen. So hat es das Stimmvolk 2017 mit seinem Ja zur Energiestrategie 2050 beschlossen – analog zur EU. Auto-Schweiz-­Direktor Burgener hat dieses Ziel immer schon als überaus sportlich bezeichnet. «Vor dem Hintergrund wachsender CO2-Emissionen wird die Herausforderung nun nochmals grösser», sagt er.

Elektroautos fördern

Erschwerend hinzu kommt: Seit September 2018 gilt für alle in der Schweiz neu importierten Autos das neue Emissionstestverfahren WLTP, das den tatsächlichen Spritverbrauch der Fahrzeuge realitätsnäher abbilden soll, also um einige Gramm CO2 pro Kilometer höher als bis anhin. Gemäss Auto-Schweiz wurden letztes Jahr rund 100’000 Personenwagen eingelöst, die bereits nach WLTP zertifiziert waren. Deren durchschnittlicher CO2-Wert lag bei 142 Gramm pro Kilometer, während die übrigen 200’000 Neuwagen einen Schnitt von 136 Gramm aufwiesen.

Wie reagieren? Die Branche will zusammen mit Bund, Kantonen und Gemeinden der Elektromobilität Schub verleihen – und damit Fahrzeugen, die kein CO2 ausstossen und die CO2-Bilanz der Neuwagenflotte aufbessern. Letztes Jahr wurden 9500 neue Steckerfahrzeuge, also Elektroautos und Plug-in-Hybride, immatrikuliert, bei 300’000 Neuwagen. Bis 2020 soll der Anteil Steckerfahrzeuge bei den Neuwagen auf 10 Prozent steigen, bis 2022 auf 15 Prozent, was 45’000 Fahrzeugen entspräche.

Das Problem: Inwieweit die Konsumenten umzusatteln beginnen, ist nicht klar. Der Bundesrat ist der Autobranche bereits entgegengekommen, indem er nach der Abstimmung über die Energiestrategie 2050 auf Verordnungsstufe Erleichterungen eingeführt hat: So fliessen erst ab 2023 alle Neuwagen in die CO2-Buchhaltung, also auch die verbrauchsstärksten 5 bis 15 Prozent. Zudem können sich Autoimporteure emissionsarme Fahrzeuge unter 50 Gramm CO2 pro Kilometer bis 2022 mehrfach anrechnen lassen, was ihnen ebenfalls hilft, das verschärfte Ziel zu erreichen. Ohne dieses etappierte Vorgehen müsste die Autobranche zwischen 2020 und 2023 Strafzahlungen von bis zu 200 Millionen Franken leisten, sagt Burgener und verweist auf Berechnungen des BFE.

Support von SVP und FDP

Dieser Swiss Finish ist umstritten – auch, weil sich die Bussenprognosen in der Vergangenheit als übertrieben entpuppt haben. Eine Mitte-links-Allianz will erwirken, dass die Schweiz nicht hinter die Bemühungen der EU zurückfällt – mit einem Passus im neuen CO2-Gesetz, dessen Beratung nach dem Scheitern im Nationalrat nun im Ständerat von vorne beginnt. «Ich sehe keinen Grund, weshalb die Schweiz nicht genauso ihren Verpflichtungen nachkommen soll wie die Nachbarländer», sagt CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt. Der technologische Ansatz zum Klimaschutz, um den es hier gehe, belaste die Bürger am wenigsten und sei einer der zielführendsten. Auch GLP-Präsident Grossen will die «klimaschädlichen Rabatte» abschaffen; seine Motion dazu ist hängig.

Mit Unterstützung darf Auto-Schweiz dagegen aus SVP und FDP rechnen. Nationalrat Christian Imark (SVP) sagt, angesichts steigender CO2-Emissionen sei eine Übergangsregelung sinnvoll. Der Diesel sei verteufelt worden, nun kauften die Leute halt wieder vermehrt Benziner – zum Schaden des Klimas. Für Imark zeigt das: «Hysterie in der Umweltpolitik löst keine Probleme.»

Neues Verfahren soll CO2-Ausstoss besser abbilden

Seit September 2018 gilt in Europa das neue Testverfahren WLTP, das helfen soll, unter Laborbedingungen eine realitätsnahe Autofahrt zu simulieren. Der alte Testzyklus NEFZ hat das nicht geschafft. In der Einführungs­phase rechnen die Experten die im WLTP ermittelten Emissionen mit einem komplizierten Modell zurück, als wären es Werte des NEFZ. Unter dem Strich fallen so die CO2-Werte beim gleichen Automodell um einige Gramm pro Kilometer höher aus. Für die Autobranche wird es somit schwieriger, ab 2020 den CO2 ihrer Neuwagenflotte auf 95 Gramm pro Kilometer zu senken. Vor diesem Hintergrund will die EU der Autobranche künftig relative Zielvorgaben machen: Von 2021 bis 2030 soll der CO2 um gut ein Drittel sinken. Ob die Schweiz nachziehen wird, ist offen.