Aus dem Matsch – Warum Geländelegenden längst Lifestyle-Fahrzeuge sind

Pick-ups wie der Ford Raptor sind heute die wahren Offroad-Helden.

 
 
 

Ob Land Rover Defender oder Mercedes G-Klasse – die Hardcore-Allradler werden vom Werkzeug zum Spielzeug für die Stadt. Und Alternativen gibt es kaum.

Köln Sanddünen bis zum Horizont, steinige Passstraßen im rauen Fels, ausgetrocknete Flussbetten und meilenweit durch den Matsch – als Land Rover vor ein paar Wochen zur ersten Fahrt mit dem neuen Defender gebeten hat, haben die Briten den lang ersehnten Nachfolger der Offroad-Legende nicht geschont und die Jungfernfahrt in Namibia inszeniert. „Denn der Defender gehört nach Afrika “, sagt Projektleiter Nick Collins und erinnert an Hunderte von Buschdoktoren, Wildschützern und Filmstars, die den Geländewagen zur Legende gemacht haben.

Schon richtig. Doch genau so, wie kaum jemand heute noch seinen Porsche selbst über die Nordschleife prügelt, geht auch fast niemand mehr mit einem Allradler ins Gelände – und macht sich erst recht nicht auf den Weg nach Afrika. Wenn schon Abenteuer, dann findet das meist auf Asphalt statt, als Dschungel ist die Großstadt wild genug. Statt der Pampa kümmern sich die Fahrer eher um Pampers.

Und der Defender ist mit diesem Rollenwechsel nicht allein. Auch Ikonen wie der Jeep Wrangler und vor allem die Mercedes G-Klasse haben das bereits durch. Beide ursprünglich für die Armee entwickelt, stehen sie bei Mittelstand und Millionären längst höher im Kurs als bei den Militärs und bedienen beide vor allem Selbstdarsteller und Freizeit-Freunde.

Und wo der Wrangler zumindest daheim in Amerika noch zum Camping oder in die Canyons fahren mag, ist die G-Klasse längst ein Luxuslaster für die Reichen und Schönen und so etwas wie die coole Alternative zu S-Klasse & Co. Nicht umsonst ist der Vierkant aus Graz das Mercedes-Modell mit dem mit Abstand höchsten AMG-Anteil.

Selbst wenn sie dort wahrscheinlich weiterkommen, als der versiertesten Fahrer, hat keiner aus diesem martialischen Trio noch etwas in Matsch und Modder zu suchen. Und erst recht nicht auf Expeditionen ans Ende der Welt. Denn wo Wrangler, Defender und G in ihren ersten Tagen noch von jedem besseren Dorfschmied repariert werden konnten, braucht es jetzt statt eines Hammers und einer Zange eben doch ein Diagnosegerät, einen Computer und jede Menge Spezialwerkzeug.

Für Weltenbummler und Expeditionsveranstalter Dag Rogge sind Autos wie der Defender zwar ebenfalls eine Ikone, die seit mittlerweile 70 Jahre das Bild vom Geländewagen geprägt haben und die in ihren technischen Fähigkeiten über alle Zweifel erhaben ist. „Wenn es ein Auto gibt, das wirklich durch dick und dünn kommt, dann ist es der Defender.“

Doch rät er zur Versöhnung mit der Moderne. Schließlich habe Land Rover den Wagen ja nicht komplett verändert, weil sich der alte nicht mehr verkauft habe, sondern weil die Briten irgendwie mit den Unfall- und Umweltschutzauflagen mithalten wollten. Und dass sie dabei gleich auch mehr Elektronik und Komfort eingebaut haben, können man ihnen nicht verdenken. Damit kämen die Briten nicht zuletzt den gesellschaftlichen Interessen entgegen, sagt Rogge. „Denn so romantisch wir alle das Lagerfeuer finden mögen, kochen wir doch am liebsten daheim an unserem Ceranfeld.“

Mit dem Defender durch Namibia, mit dem Wrangler durch die Moab Mountains und mit der G-Klasse über den legendären Schöckl am Horizont hinter Graz – um ihre Geländelegenden richtig zu positionieren, scheuen die Hersteller keinen Aufwand. Und natürlich muss ein Geländewagen all diese Abenteuer bestehen, damit er glaubwürdig bleibt. Denn ein Gutteil des riesigen Erfolgs in diesem Genre fußt auf dem Wissen, zu können, wenn man nur wollte.

Doch im Spagat zwischen Steppe und Stadt sind selbst Legenden wie der Defender, der Wrangler und zwei Preisklassen darüber auch die G-Klasse vom Werkzeug zum Spielzeug verkommen, hoffnungslos überqualifizierte und gerne auch ein wenig überteuerte Lifestyle-Laster für Großstädter, die sich allenfalls durch akute Landlust und Phantasiefluchten von Tiguan und GLE-Fahrern unterscheiden.

Das mag die Hipster in London genauso wenig stören wie die Scheichs in Dubai oder die Besserverdiener im Berlin. Doch wer es ernst meint mit dem Abenteuer oder seinen Lebensunterhalt tatsächlich mit Dreckarbeit verdient, der sucht händeringend nach Alternativen und tut sich damit zunehmend schwer.

Das weiß niemand besser als Jim Ratcliffe. Der Brite ist selbst eingefleischter Abenteurer und Defender-Fan, hat in der Chemie-Industrie Milliarden gemacht und hängt so sehr an dem Arbeitstier, dass er unter dem Projektnamen Grenadier jetzt einen eigenen, besonders rustikalen Geländewagen plant. Und spätestens, seitdem er bei BMW eine fünfstellige Zahl von Benzin- und Dieselmotoren dafür bestellt hat, zweifelt kaum mehr einer daran, dass Ratcliffe es bitterernst meint mit seinen Plänen.

Bis der Grenadier ins Rollen kommt, entwickelt sich ein anderer Fahrzeuggattung zunehmend zur Alternative: Der Pick-Up. Autos wie der VW Amarok und die glücklose Mercedes X-Klasse buhlen um Firmenchefs und Freizeitabenteurer und niemand spielt diese Karte so geschickt wie Ford mit dem Ranger – erst recht, seit es den Raptor gibt.

Bis dato vor allem ein Praktiker für Handel, Handwerk und Gewerbe gebaut, wird aus dem Laster mit ein bisschen Tuning ein abenteuertaugliches Lifestyle-Auto: Denn mit dicken Backen und stark modifiziertem Fahrwerk gibt die nach einem Saurier benannte Power-Pritsche den Sportler unter den Pick-Ups und fährt damit absolut außer Konkurrenz.

Selbst wenn Autos wie der VW Amarok oder Mercedes X-Klasse stärker sind und schneller fahren, gibt es bei uns keinen andern Pick-Up, der es so ernst meint mit dem Spaß am Steuer. Dabei gibt das Dickschiff die absolute Dreckschleuder und ist auch noch stolz darauf. Schließlich ist er der kleine Bruder des F-150 Raptor, der bei den legendären Baja-Rennen zum Helden geworden ist und in USA einen ähnlichen Ruf hat wie der Porsche 911 bei uns.

Genau wie dieser XXL-Pick-Up ist auch der europäische Raptor deshalb vor allem für Schmutz und Schmodder gemacht und schlägt sich in der Kiesgrube genauso gut wie am Sandstrand, auf dem Waldweg oder in einem Steinbruch.

Aber auch unter den Geländewagen gibt es noch ein paar von altem Schrot und Korn. Am oberen Ende der Skala ist das vor allem der Toyota Land Cruiser, der unter den Legenden gerne vergessen wird – obwohl er gerade zum zehnmillionsten Mal produziert wurde und damit auf eine größere Stückzahl kommt als Defender, Wrangler und G-Klasse zusammen – und dem Trio im Dreck in nichts nachsteht.

Doch während bei der Konkurrenz längst das Marketing die Kontrolle übernommen und die Geländewagen auf den Legenden-Sockel gestellt hätte, gehe es Toyota bis heute nicht um den Ruhm, sondern allein darum, dass der Land Cruiser immer und überall seinen Job mache: „Ein Nutzfahrzeug durch und durch, eher Werkzeug als Spielzeug und ganz sicher kein Lifestyle-Objekt“, sagt Modell-Experte und Buchautor Alexander Wohlfarth.

Und am unteren Ende ist das der Suzuki Jimny, der sich als G-Klasse des kleinen Mannes trotz seines kleinen Formats gerade einen großen Freundeskreis geschaffen hat – ein Auto, für das SUV eine Beleidigung ist und der beim besten Willen nicht nur spielen will. Und das mittlerweile so begehrt ist, dass man darauf fast so lange warten muss wie auf eine G-Klasse.

Zwar ist der Jimny meilenweit davon entfernt, ein Lifestyle-Objekt zu sein und als authentischer Geländewagen über jede Kritik erhaben. Und mit seinem asthmatischen Vierzylinder und einer knappen Tonne Gewicht wird ihn auch niemand des Überflusses bezichtigen.

Doch ausgerechnet dieser kleine Dreckspatz ist zu schmutzig – und wird seine Karriere in Europa bald beenden: Weil die CO2-Vorgaben so nicht zu halten sind, nimmt Suzuki den kultigen Kraxler vom Markt – und für die Dreckarbeit müssen dann wieder andere herhalten.