Jeep Gladiator: Durch und durch lasterhaft

Leiterrahmen, Allradantrieb, Ladepritsche: Der Jeep Gladiator ist das Raubein unter den Pick-up-Trucks. Bei der Testfahrt steckte er auch einen SUV-Rempler locker weg.

Der erste Eindruck: Playmobil! Der Jeep Gladiator sieht aus wie ein viel zu großes Spielzeugauto, das sich aus dem Kinderzimmer auf die Straße verirrt hat.

Das sagt der Hersteller: Jeep will, dass der Gladiator als Pritschenwagen ernst genommen und nicht als SUV-Spielzeug missverstanden wird. „Das ist kein Auto für Menschen, die ein Modestatement abgeben wollen“, sagt der amerikanische Markenchef Tim Kuniskis. „Das ist ein Truck, auf den man sich verlassen kann, mit dem man alles machen kann, der einen überall hin bringt – und auch wieder zurück.“

Das ist uns aufgefallen: Der Jeep Gladiator mag sich für keine Arbeit zu schade sein, aber erst einmal muss der Mensch ran. Schon das Einsteigen ist – gemessen an gewöhnlichen Geländewagen – etwas anstrengender. Knapp 30 Zentimeter Bodenfreiheit müssen erst mal überwunden werden, weshalb es stabile Haltegriffe im Cockpit gibt. Mit deren Unterstützung kann man sich in den Wagen hieven.

Das ist nur der erste Kraftakt. Denn im Grunde – und insofern trifft der Spielzeugautovergleich zu – lässt sich das Auto auf verschiedene Art zusammen- oder besser auseinanderbauen. Beispielsweise lassen sich die Kunststoffplatten des Dachs ebenso entfernen wie das Stoffverdeck, die Frontscheibe kann nach vorn auf die Motorhaube geklappt werden, und selbst die Türen lassen sich mit dem Bordwerkzeug abschrauben. Dann wird der Jeep Gladiator zum Cabrio für Hartgesottene.

Das ist typisch für Jeep, genau wie die Konstruktion des Wrangler: Ein paar elektronische Assistenzsysteme und ein einigermaßen zeitgemäßes Infotainmentsystem mit Smartphone-Integration und Online-Apps können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Gladiator eigentlich eine moderne Kutsche ist. Mit Motor zwar, aber auch mit Leiterrahmen und Starrachsen.

So rustikal, wie das Auto konstruiert ist, fährt es auch. Das liegt einerseits am altbackenen und wenig raffinierten 3,6 Liter großen V6-Motor mit 285 PS Leistung und dem dröhnend lauten Auspuff aus der Tuningabteilung Mopar, vor allem aber liegt es am Fahrwerk, das für große Lasten und abenteuerliches Gelände ausgelegt ist. Auf die Herausforderungen zwischen Shoppingmall und Kaffeebar reagiert es daher meist mit Bocksprüngen. Das rustikale Fahrgefühl kommt zudem von der Lenkung, die viel Kraft verlangt – und viel Verkehrsraum, wenn man den Gladiator nicht immer nur geradeaus steuern will.

Der Jeep Gladiator ist jedoch kein lust- oder gar liebloses Auto. Im Gegenteil: Je länger man auf dem Bock dieser Kutsche sitzt, desto mehr witzige Details entdeckt man in der Plastiklandschaft. Es gibt da zum Beispiel angedeutete Inbusschrauben, es gibt einen wasserdichten und schmutzfesten Startknopf, eine Jeep-Silhouette im Klebestreifen auf der Frontscheibe sowie einen Zündschlüssel, der geformt ist wie ein Reservekanister. Offenbar hatten die Designer viel Spaß bei der Arbeit an diesem Auto.

Das muss man wissen: Der Jeep Gladiator basiert auf dem vor zwei Jahren vorgestellten Jeep Wrangler, dessen Radstand für den Lastentransport um einen halben Meter gestreckt wurde. Dazu wurde das Auto mit einer knapp 1,50 Meter langen Pritsche bestückt. Das Ergebnis ist ein Koloss von 5,54 Meter Länge, der rund 800 Kilo zuladen und 3,5 Tonnen an die Anhängerkupplung nehmen kann. Auf der Pritsche lassen sich beispielsweise zwei Motorräder transportieren. Es gibt spezielle Scheinwerfer und einen Stromanschluss, und Mopar bietet neben dem Krawallauspuff unterschiedlichste Halterungen und Ablagesysteme für so ziemlich jedes Werkzeug und Freizeitgerät an, das Baumärkte und Sportgeschäfte hergeben.

In den USA wird der Gladiator – natürlich immer mit Allradantrieb – wahlweise mit einem 3,6-Liter-V6-Benziner mit Sechsgang-Schaltgetriebe oder Achtgang-Automatik sowie mit einem Drei-Liter-V6-Diesel (260 PS) mit Automatikgetriebe angeboten. Beide Motoren werden beim Europaverkaufsstart irgendwann im neuen Jahr wohl hier nicht angeboten. Stattdessen dürfte es hierzulande, wie beim Wrangler auch, einen 2,2 Liter großen Diesel mit 200 PS Leistung und 450 Nm Drehmoment geben, oder einen Zweiliterbenziner mit 270 PS und 400 Nm.

Zum Preis des Gladiator in Europa hat Jeep noch keine Angaben gemacht. Doch so viel steht beim Blick auf die US-Tarife bereits fest: Für ein Spielzeug wird er auf jeden Fall zu teuer, denn unter 55.000 Euro dürfte der Pick-up kaum zu haben sein.

Das werden wir nicht vergessen: Den Moment, als uns beim Warten vor einer roten Ampel von hinten ein Ford Escape ins stehende Auto rauschte. Während der SUV ziemlich zerknittert war und nur noch von einem Abschleppwagen bewegt werden konnte, war beim Gladiator lediglich der Rahmen gebrochen. Und zwar der Plastikrahmen des Nummernschilds.