So bewegen sich Geländewagen jenseits unserer Welt

Fahrzeuge unter Extrembelastung – Im Salzstock Zielitz

Zielitz. Gut 90 Leute passen in den Aufzug, stählern schließt sich die Gittertür, unter den Füßen nur ein Eisenboden – und dann die nächsten 740 Meter erst einmal das tiefe Nichts. Wir rauschen Minuten nach unten. Unser Ziel: Das Herz des Kaliwerks Zielitz nördlich von Magdeburg. Unser Anliegen: Herausfinden, wie sich Geländewagen jenseits unserer Welt bewähren. Hier im Salz, im Dreischichtbetrieb bei Tag und Nacht. Wobei es immer nur Nacht ist in dieser Welt, in der jeder „Glück auf“ sagt. Und das auch so meint.

Auch ich bekomme zur weiß-grauen Arbeitskleidung einen „Selbstretter“, im Notfall wird mich dieses Gerät für mindestens eine Stunde mit Sauerstoff versorgen. Jeder hier trägt beim Verlassen des Stahlkäfigs den fünf Kilo schweren Edelstahlbehälter über der Schulter. Eilig geht es nun zur Schicht im Schacht – vorbei an der Heiligen Barbara, der Schutzheiligen der Bergleute. So modern der Abbau der Kalisalze auch sein mag, so sehr werden doch die Traditionen gepflegt: Man hat Ehrfurcht vor den Menschen, die hier unten ihr Brot verdienen.

Schnell werden alle von der Dunkelheit und der hallenden Größe der Gänge verschluckt, in denen die Salzkristalle in der Luft schaukeln. Manche der zumeist männlichen Mitarbeiter werden nun 40 Minuten im Mitsubishi L200 unterwegs sein, um zur eigentlichen Arbeitsstelle zu gelangen. Das mag ein „Ladetransportfahrzeug“ sein, die ersten wurden schon 1975 eingesetzt, einer der Firstanker-Bohrwagen, mit dem die 1,25 Meter langen Stabilisierungs-Gewindestangen in die Decken der Grubenbaue gesetzt werden, oder ein Sprenglochbohrwagen. So unterschiedlich die Maschinen sein mögen, so robust sind sie.

Denn das Salz ist ein harscher Gegner, dem mit Sprengladungen und schwerem Gerät zu Leibe gerückt wird. Deftige Fahrlader – selbst das im Ausbildungsrevier stationierte Exemplar fasst bei einem Eigengewicht von 41 300 Kilo zwölf Tonnen je Schaufelladung – bringen das frisch aus dem Flöz herausgesprengte Material zu den Förderbändern, durch den 806 Meter tiefen Förderschacht „Zielitz 1“ fliegt das Rohmaterial schließlich nach oben zur Weiterverarbeitung, und zum Trans- und Export.

Mehr als 95 Prozent der Produkte – Kalidüngemittel, Industriekali oder „KCl food-grade“, also Kaliumchlorid in Lebensmittelqualität – gehen ins Ausland, nach Europa, Südamerika oder Südostasien. Jedes Jahr werden aus dem Werk Zielitz rund zwei Millionen Tonnen verkaufsfähige Endprodukte weltweit versandt. Zielitz ist eines der wertvollsten Rohsalzlager Deutschlands.

Mehr als 300 Millionen Tonnen Material wurden hier seit 1973 gefördert und verarbeitet. Schluss wird frühestens in einigen Jahrzehnten sein, aktuell laufen die Arbeiten für eine Erweiterung der Abraumhalde. Schon heute ist der „Kalimandscharo“, die gut einhundert Meter hohe Halde, eine Landmarke für die ganze Region.

So manch ein Vater hat dem Jungvolk auf der Rückbank wohl schon davon erzählt, wenn die Familienkutsche über den Asphalt rollt, und der Kalimandscharo in Sicht kommt. Doch nur wenige wissen, dass rund einen Kilometer weiter unten ebenfalls Autos fahren, die auf einer offiziellen Straße nie zu sehen sein werden. Alleine schon wegen der technischen Modifikationen, die die Fahrzeuge fit machen für den Dienst unter Tage: Rammbügel, Pritschen, spezielle Luftfilter oder ein satter Unterfahrschutz hilft den Mitsubishis beim Überleben unter widrigsten Umständen, wie Jens Kupfer, der Markenverantwortliche im Autohaus Peter erklärt. Ein Rahmenvertrag regelt den Weg der Autos vom Werk in Thailand bis in die Tiefe von Sachsen-Anhalt, 30 bis 40 Autos werden jedes Jahr an die Kali + Salz AG nachgeliefert.

Gefertigt werden die Autos vom Typ L200 wie auch die zivilen Brüder im Werk Laem Chabang, dem thailändischen Standort von Mitsubishi. Jedoch laufen sie mit deutlich weniger Ausstattungsmerkmalen und Elektronik vom Band, weder eine Klimaanlage noch Unterhaltungselektronik werden verbaut. Wozu auch? Hier unten gibt es ohnehin keinen Radioempfang, dafür aber den 1976 eingeführten Grubenfunk. Weitere Änderungen werden dann in Sondershausen vorgenommen. Wobei nicht alle Wagen in Zielitz zum Einsatz kommen. Die global agierende Kali + Salz AG hat diverse Standorte alleine in Deutschland.

Allerdings ist nur der Zielitzer Fahrschacht groß genug, um ein Auto einfach so in den Aufzug zu schieben. Und auch das geht nur, wenn die Stahlgitter des Transportkäfigs ausgebaut werden. An anderen Standorten werden die Autos an stabilen Bügeln kopfüber unter den Förderkorb gehängt, und am Ziel wieder auf die Räder gezogen. Ja, es geht rustikal zu unter Tage.

Manche Fahrzeuge werden mit einer soliden Pritsche versehen, manche transportieren als Doppelkabiner Fachleute und deren Werkzeug, einige bekommen zusätzliche Plätze im Heck, bestehend aus ausrangierten Flugzeugsitzen. Dann reist man mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, und bekommt deutlich vor Augen geführt, wie turbulent die Pisten hier unten sind. Denn die Wege folgen dem Salz, das im Schnitt 5,8, an manchen Stellen aber auch 20 Meter dick ist, Steigungen von 28 Grad sind ebenso normal wie Schrägfahrstrecken mit 15 Grad seitlicher Neigung. Ohne Allrad kommt man da nicht weit.

Die jüngste Auflage des Gelände-Klassikers punktet mit einer Kombination aus permanentem Allrad, sperrbarem Mitteldifferenzial und Geländeuntersetzung, die Leute unter der Sonne nennen das System „Super Select 4WD-II“, es ist bis Tempo 100 zuschaltbar. Doch darüber kann Mathias Koeppe, der unter Tage für die Instandhaltung der Flotte verantwortlich ist, nur schmunzeln. In Zielitz gilt Tempo 40. Und selbst das setzt den Fahrwerken gehörig zu.
Bevor man im Salz ans Steuer darf, muss die Fahrschule durchlaufen werden.

Dabei geht es nicht unbedingt um den Schulterblick beim Abbiegen oder das Einfädeln auf die Autobahn, sondern auch um das Zurechtfinden in den endlosen Gängen. 500 Kilometer Strecke kann man hier unten abfahren. „Davor hat man anfangs immer am meisten Angst, es sieht ja alles gleich aus“, meint Koeppe. Er würde mir, das untertägige Abbaugebiet umfasst rund 61 Quadratkilometer, gerne einen Wegweiser zeigen – doch auch den gibt es nicht. Ziellos schweifen meine Blicke umher. Ja nun, Glück auf! Mathias weiß, was er tut.

Damit das auch die Fahrschüler lernen, gibt es ein Fahrschulauto mit zwei Lenkrädern, „wobei manche unserer Lehrlinge“, derzeit sind rund 80 junge Leute in der Ausbildung, „noch zu jung sind, um einen regulären Führerschein zu haben“. Sie lernen dann tatsächlich unter verschärften Bedingungen, was später nützlich ist. Immerhin sollte man hier unten keine Fehler machen – vor allem dann nicht, wenn schweres Gerät im Anmarsch ist.

Was das heißen kann, sieht man an einem L200, der in den Werkstätten zurechtgebogen wird. „Dem ist ein Fahrlader über die Pritsche gemangelt“, meint ein Mechaniker schmunzelnd. Doch die Jungs in der Werkstatthalle, auch hier tanzen die Salzkristalle, haben längst eine neue installiert, nur die Verformungen am Dach zeugen noch vom Unfall wie auch der Schrott in den Mulden. Heutzutage muss alles auch wieder nach oben, selbst abgefahrene Reifen oder Müll. Ich kann kurz unters Auto und in die dicken Salzkrusten schielen, die jede Fläche, aber auch jedes Werkzeug bedecken. Immerhin ist der Boden hier schön eben. Ach nein, das ist Beton – aber gut gepökelt!

Draußen in den Stollen auf dem gerölligen Boden ist man froh über stabiles Schuhwerk – auch wenn die Temperaturen eher zu leichtem Geläuf anraten möchten. Und dabei sind es hier im „Lehrrevier“ gerade mal 30 Grad: Je tiefer gegraben wird, desto heißer wird es. Erst bei 52 Grad in rund 1300 Metern Tiefe lassen es die Bergleute gutsein.

Das Salz freilich, das zieht sich noch viel tiefer unter die Erde, mehr als doppelt so tief. Und dort wird es wohl auch die nächsten paar Millionen Jahre bleiben, so effizient kann keine „Bewetterung“ sein. Die wird in Zielitz von den beiden Wetterschächten Ramstedt 1 und 2 besorgt: Sie reichen auf 430 Meter herunter, und liefern 48.000 Kubikmetern Luft pro Minute.

Zunächst werden Sprenglöcher gebohrt und befüllt, die Sprengung wird per Fernsteuerung vorgenommen, wenn sich niemand mehr im Revier aufhält. Kontrolliert wird dies mittels Alumärkchen an den Gabelungen, jeden Tag werden rund 5,5 Tonnen Sprengstoff verbraucht, zum Einsatz kommt ein im Bergbau gerne verwendeter ANC-Sprengstoff auf Basis von Ammoniumnitrat.

International durchgesetzt hat sich als Oberbegriff für diese Sprengstoffe das englische „ANFO“, es steht für „Ammonium Nitrate Fuel Oil“, weil gerne Dieselöle als Reduktionsmittel beigesetzt werden. Die Tonnen an ANFO kommen ebenso via Seilfahrt über den Materialschacht „Zielitz 2“ in die Tiefe.

Haben die Lader die herausgesprengten Kali-Rohsalze zu den Förderanlagen gebracht, werden neue Bohrlöcher gesetzt, ein Abstützen der Schächte ist dabei nicht nötig, in Zielitz kommt der Kurzpfeiler-Örterbau zur Anwendung. Dabei werden Strecken und Abbau so aufgefahren, dass quadratische Pfeiler aus Salz nicht abgebaut werden, die das Deckgebirge über dem „First“, also die Decke, stützen. Einzig die Firstanker sichern das stets in Bewegung befindliche Salz, von dem gleichwohl immer mal Platten abplatzen können. Das erklärt die regelmäßigen Kontrollfahrten und natürlich auch die Helmpflicht – sowie das absolute Verbot, einen „Toten Mann“ zu betreten, die ausgeräumten Stollen werden gesperrt, irgendwann wird das stets schiebende Salz sie wieder geschlossen haben.

„Immerhin hat das hier unten seit 280 Millionen Jahren das Sagen“, denke ich mir, als es Stunden später wieder nach oben geht. Die Kumpel und ihre Maschinen, die L200 und die Fahrlader, die bleiben unten. Man lernt Respekt auf solch einer Reise. Und plötzlich ist „Glück auf“ keine Floskel mehr. Sondern ernst gemeint.